Erwachsene Geschwister: Interview mit Christian Lührs

Rubrik: Thema

Christian Lührs ist Vorstandsmitglied bei Leben mit Behinderung. Im Interview erzählt er, welche Auswirkungen eine Behinderung auf die Geschwisterbeziehung haben kann und warum es sich lohnt, das Geschwistertreffen zu besuchen.

Wie unterscheiden sich Geschwisterbeziehungen, in der eine Person eine Behinderung hat von Geschwisterbeziehungen ohne Behinderung?

Christian Lührs: Ich kann da erst einmal nur für mich sprechen, aber der Unterschied muss gar nicht so groß erscheinen, denn ich als Geschwister kenne es ja nicht anders. Die eigenen Geschwister sind in gewisser Weise immer normal, egal ob mit oder ohne Behinderung. Wie das Verhältnis zueinander ist, hängt wohl vor allem vom Umgang miteinander in der Familie, von der persönlichen Lebensgeschichte und dem Umfeld ab. Ich hatte zum Beispiel nie das Gefühl, unter Druck zu stehen, meine Schwester andauernd verteidigen zu müssen. Da gibt es bei anderen Geschwistern aber offenbar auch ganz andere Erfahrungen. Ein wichtiger Unterschied kann dann sicher sein, dass im Alter der Kontakt und die Beziehung zu Geschwistern mit Behinderung tendenziell wieder stärker werden, wenn die Eltern sich zurückziehen müssen oder ausfallen. Darum sind mir die erwachsenen Geschwister so wichtig, insbesondere die über 50-Jährigen.

Welche Probleme können in der Geschwisterbeziehung auftreten?

Zunächst können alle Arten von Frust auftreten, die es auch in Geschwisterbeziehungen gibt, in denen keiner eine Behinderung hat. Speziell sehe ich aber vor allem zwei Dinge: Einerseits kann es passieren, dass sich das nicht behinderte Geschwisterteil zurückgesetzt fühlt. Andererseits können bei ihm aber auch Schuldgefühle auftreten, weil es das Gefühl hat, der eigenen Verantwortung nicht gerecht zu werden. Wenn es solche Probleme gibt, liegen die Ursachen wahrscheinlich meist schon in der Kindheit. Sie können aber auch eine große Rolle spielen, wenn sich nach einer typischen Phase größerer Distanz im Lebensalter zwischen 20 und 50 Jahren durch den Rückzug oder Ausfall der Eltern die Beziehungsfrage wieder neu stellt. Das kann dann eine neue Nähe auslösen oder zu schwierigen Abgrenzungskonflikten führen, die so bei nichtbehinderten Geschwistern eher unwahrscheinlich sind.

Welche Möglichkeiten gibt es, sich zum Thema erwachsene Geschwister Hilfe oder Informationen zu holen, oder sich einfach mit anderen auszutauschen?

Die Angebote für Erwachsene sind bisher überschaubar, aber natürlich berät Leben mit Behinderung Hamburg auch erwachsene Geschwister. Ich würde gern mehr erwachsene Geschwister als Mitglieder und in Funktionen bei Leben mit Behinderung Hamburg sehen. Es gibt bereits die Seite „Erwachsene Geschwister“ mit einer Facebook-Gruppe, in der Erfahrungen ausgetauscht und diskutiert werden. Leben mit Behinderung Hamburg bietet ein regelmäßiges Geschwistertreffen an.

Warum sollten erwachsene Geschwister von Menschen mit Behinderung zu diesem Treffen gehen?

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Themenbereiche. Da sind zum Beispiel die praktischen Fragen wie rechtliche Betreuung, Wohnen, Eingliederungshilfe, oder medizinische Versorgung. Gerade Geschwister haben sich damit oft nicht befasst, weil das die Eltern gemacht haben. Wenn man die dann ersetzen will, ist das erst einmal unübersichtlich. Persönlich kann außerdem das eigene Rollenbild zum Thema werden: Wie stark will und kann ich mich in der Beziehung zum Geschwister engagieren? Wie viel formale Verantwortung will ich übernehmen? Bei welchen Themen wie Selbstständigkeit, Ernährung, Sexualität oder Sozialkontakte habe ich den Eindruck, gebraucht zu werden und wo sollte ich mich eher nicht einmischen? Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, ob ich meine Rolle als Geschwister eines Menschen mit Behinderung zum Anlass nehme, mich politisch zu engagieren. Auch dafür bietet Leben mit Behinderung Hamburg viele Möglichkeiten. Seit einiger Zeit geht es dabei zum Beispiel auch um die Digitalisierung, die für viele Menschen mit Behinderung sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Zwar wird manches einfacher, doch muss man für vieles inzwischen auch im Internet präsent sein, um teilhaben zu können. Da die Eltern sich damit oft nicht auskennen, sind an dieser Stelle eher die Geschwister gefragt. Es gibt also viele Aspekte und gerade bei persönlichen Themen, zu denen man so wenig Distanz hat, kann eine Gruppe für die eigene Weiterentwicklung und Meinungserklärung hilfreich sein. Es geht also um Selbsthilfe im besten Sinne.

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Die nächsten Geschwistertreffen finden am 2. Mai, 29. August und 17. Oktober 2018 jeweils um 19.30 Uhr im Südring 36 (Großer Konferenzraum) statt.