"Wahlrecht ist Menschenrecht"

Rubrik: Wohnen

Bewohner Lennert Mäkel mit Jürgen Dusel

Besuch aus Berlin! Am 26. Januar schaute Jürgen Dusel in der inklusiven Hausgemeinschaft Shanghaiallee vorbei. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen unterhielt sich mit Bewohnern, Eltern und Mitarbeitenden. Anschließend sprach er mit dem Geschäftsführer der Sozialeinrichtungen, Stephan Peiffer. 

 

Herr Dusel, welche Eindrücke nehmen Sie von diesem Nachmittag mit?

Es war wirklich sehr schön. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren sehr offen und haben mich spannende Sachen gefragt. Aber sie gaben mir auch ein paar Themen mit, die für sie wichtig sind. Zum Beispiel Teilhabe am Arbeitsleben, die Frage der Bezahlung in Werkstätten, ihre Wohn-Situationen.

Haben Sie so etwas schon mal gesehen, ein inklusives Wohnen für Menschen mit und ohne Assistenzbedarf?

Ja. Aber ich muss sagen, dass mir hier die Atmosphäre besonders gut gefallen hat. Man hat gespürt, dass die Menschen sich hier wohlfühlen. Das tut mir gut, so etwas zu sehen, deswegen will ich einfach den Kontakt zu den Menschen haben. Das war wirklich ein sehr schöner Termin.

Sie haben für Ihre Amtszeit die Überschrift „Demokratie braucht Inklusion“ gewählt. Welche Chancen sehen Sie, dass Menschen mit Behinderung ihr Wahlrecht irgendwann uneingeschränkt ausüben können.

Ich finde, es steht unserer Demokratie nicht gut zu Gesicht, dass es pauschale Wahlrechtsausschlüsse gibt. Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass Menschen, die jeden Tag in eine Werkstatt gehen, die sich im Werkstattrat engagieren oder als Frauenbeauftragte in Einrichtungen unterwegs sind, nicht wählen dürfen. Sie sind politisch interessiert, lesen vielleicht auch Parteiprogramme in leichter Sprache und sind geschäftsfähig. Aber für die Besorgung der täglichen Angelegenheiten haben sie einen Betreuer und dürfen nicht wählen. Ich glaube, dass zeugt von einem völlig unzeitgemäßen Menschenbild welches Menschen meist ohne Behinderung von Menschen mit Behinderung haben. Deshalb ist es wichtig, dass es auch auf Bundesebene keine Wahlrechtsausschlüsse mehr gibt. Das – und die politische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen insgesamt – meine ich unter anderem mit meinem Motto „Demokratie braucht Inklusion“

Ja das stimmt. Wir sehen, wie viel mehr Bereitschaft und Interesse von Menschen mit Behinderung da ist und wir erwarten, dass da in der Politik rasch eine Änderung eintritt.

In manchen Bundesländern haben wir es geschafft, zum Beispiel in Brandenburg. Die Vereinten Nationen haben Deutschland aufgefordert, das Wahlrecht zu ändern. Und viele Initiativen setzen sich dafür ein. Aber: Es gibt Menschen, die das noch nicht verstanden haben. Deswegen ist es so wichtig, dass wir weiter für das Thema kämpfen und werben. Und ich gehe davon aus, dass es klappt.

Vielen Dank für das Gespräch