Zwischen Schutz und Freiheit

Rubrik: Neuigkeiten

„Diskutieren Sie mit!“ haben wir von Leben mit Behinderung Hamburg Sie aufgefordert und damit auf all unseren Social-Media-Kanälen kräftig die Werbetrommel gerührt. Bis zu 75 Teilnehmer*innen folgten der Einladung und waren am Mittwochabend per Zoom dabei, als gemeinsam über das Spannungsfeld zwischen Schutz und Freiheit für Menschen mit Behinderung in Corona-Zeiten diskutiert wurde.

Moderiert von Kerrin Stumpf, Geschäftsführerin des Elternvereins, wurde 90 Minuten lang diskutiert und sich ausgetauscht. Zu Gast auf dem virtuellen Podium war neben Stephan Peiffer, Geschäftsführer der Sozialeinrichtungen, und der Vorstandsvorsitzenden Ingrid Jaeger auch Nina Gust. Die Leiterin des Inklusionsbüros bei der Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung schnitt gleich zu Beginn die zentrale Fragestellung der heutigen Zeit an: Wie können wir uns vor dem Virus schützen, gleichzeitig aber das gesellschaftliche Leben inklusiv gestalten?

Unter diesem Gesichtspunkt ging es zunächst um das Thema Schule und Unterricht, aber auch um die Situation der Klient*innen und Mitarbeitenden in den Einrichtungen von Leben mit Behinderung Hamburg. Gerade zu Beginn der Pandemie habe eine große Unsicherheit geherrscht, wie ein Infektionsfall die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie auch das Leben der Familienangehörigen von Klient*innen und Mitarbeitenden beeinflussen würde, berichtete Stephan Peiffer.

Die behördlich eingeführten Schutzmaßnahmen wie Mindestabstand, Maskenpflicht und Besuchsverbot dienen zwar dem gesundheitlichen Schutz, diskriminieren aber auch manche Menschen, wie Nina Gust betonte. Begleitpersonen für Sehbehinderte und Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen keine Masken tragen können, würden beispielsweise im öffentlichen Raum derzeit anecken und Erklärungsbedarf wecken.

Auch die erste Lockerung des Besuchsverbots habe zwar das Wiedersehen der Angehörigen ermöglicht, dennoch seien diese Besuche aufgrund des nach wie vor geltenden Mindestabstands für manche schwierig, erzählte Ingrid Jaeger: „Gerade Menschen mit komplexen Behinderungen sind oft auf Berührungen und körperliche Zuwendung angewiesen. Dass Eltern ihnen diese im Moment nicht geben dürfen und die Umstände kaum erklären können, ist für viele schwer zu verstehen.“

Doch nicht nur Angehörige, auch Menschen mit Behinderung selbst waren an der Podiumsdiskussion beteiligt und berichteten, wie sie die Corona-Krise erleben. Von fehlenden sozialen Kontakten bis hin zu veränderten Arbeits- und Wohnsituationen.

Insgesamt wurde deutlich, dass pauschale Regelungen angesichts der unterschiedlichen Bedürfnisse sowie Wohn- und Lebenssituationen von Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe kaum ermöglichen können. „Wir erwarten von der Stadt, dass sie wirklich Solidarität übt, das bedeutet Menschen mit Unterstützungsbedarfen jetzt klar im Blick zu haben und bei allen Entscheidungen mit zu bedenken“, fordert darum Kerrin Stumpf, die von der Resonanz auf die digitale Veranstaltung begeistert ist: „Es ist klasse, dass der Elternverein von Leben mit Behinderung Hamburg auch digital solche großen Treffen organisieren kann, bei denen wir uns mit unseren Themen mit Entscheidern aus Politik und Verwaltung zusammenbringen.“ Darum ist bereits eine zweite Veranstaltung dieser Art geplant – merken Sie sich gern schon mal den 2. September 2020.