Beratung ohne Grenzen

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Mario Mardoukh ist bei Leben mit Behinderung Hamburg als Berater der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) tätig. Auch dort spielt das Thema Vielfalt eine große Rolle. Im Interview erzählt er, wie er und seine Kolleginnen sich auf Ratsuchende mit Migrationshintergrund einstellen.

Südring Aktuell: Seit wann bist du Berater bei der EUTB und was hast du davor gemacht?

Mario Mardoukh: Ich bin im Libanon aufgewachsen und mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen. Hier habe ich Sozialökonomie an der Uni Hamburg studiert. Ab 2015 habe ich in der Flüchtlingshilfe gearbeitet und dort auch gedolmetscht. 2017 habe ich dann bei Leben mit Behinderung Hamburg angefangen, erst als rechtlicher Betreuer und Teil des Wegbereiter-Teams, seit Beginn des EUTB-Projekts im Januar 2018 auch als Berater.

Was gefällt dir an deiner Aufgabe als EUTB-Berater?

Hier kann ich Mitmenschen helfen, sie beraten und unterstützen. Besonders Menschen mit Fluchterfahrung, die hier ganz neu anfangen. Ich möchte dabei helfen, Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Außerdem gefällt mir die tolle Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen, wir haben so viel Wissen angesammelt und unterstützen uns damit gegenseitig.

Welche Sprachen sprichst du?

Meine Muttersprache ist Arabisch, davon abgesehen spreche ich noch Deutsch, Französisch und Englisch.

Wie helfen dir deine Sprachkenntnisse als EUTB-Berater?

Sie helfen mit sehr, vor allem bei der Beratung von Ratsuchenden, die kaum oder gar kein deutsch sprechen. Mit Arabisch kann ich mit Menschen aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder zahlreichen anderen Ländern kommunizieren. Mit französisch erreiche ich vor allem viele Menschen aus Afrika. Mindestens genauso wichtig ist aber auch der kulturelle Hintergrund. Da ich im Libanon groß geworden bin, habe ich einen anderen Zugang zu den Menschen, so dass sie sich verstanden fühlen. Außerdem weiß ich, wie es sich anfühlt wegen nicht vorhandener Sprachkenntnisse diskriminiert zu werden, man wird ganz anders wahrgenommen.

Wie finden Menschen mit Migrationshintergrund den Weg zu euch?

Wir bieten in vier Stadtteilen eine Beratung vor Ort an, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Da kommen sie zum Beispiel über den Gesundheitskiosk oder die Elternschule mit uns in Kontakt. Viele rufen aber auch einfach an.

Wie läuft denn eine Beratung ab?

Manche Anliegen kann man direkt am Telefon klären, ansonsten vereinbart man einen persönlichen Termin. Manche kommen auch öfter, wenn sie weitere Fragen haben oder ein Anliegen noch nicht geklärt werden konnte. Wir unterstützen in allen Belangen: Wir klären über Hilfen auf, beraten beim Ausfüllen von Anträgen oder übernehmen das Ausfüllen in manchen Fällen auch. Manche Ratsuchende brauchen aber auch nur einen Kontakt, weil sie nicht wissen, an welche Stelle sie sich mit ihrer Frage wenden können. Ihnen vermitteln wir dann einen Ansprechpartner.

Inwiefern unterscheidet sich die Beratung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund?

Menschen mit Behinderung, die in Deutschland geboren sind, kennen das System hier. Menschen mit Migrationshintergrund hingegen müssen die deutsche Bürokratie erstmal kennenlernen und herausfinden, welche Hilfsmöglichkeiten es überhaupt gibt. Darüber hinaus haben sie oft ein ganz anderes Verständnis vom Umgang mit Behinderung. Manche Kinder mit Behinderung waren zum Beispiel nie in einer Schule oder haben als Gehörlose nie Gebärdensprache gelernt. Manche Eltern sind sehr fürsorglich und wollen ihren Kindern am liebsten alles abnehmen. An solche Themen muss man sich vorsichtig herantasten, um keine Gefühle zu verletzen. Kulturell bedingte Tabuthemen sollte man nicht oder nur sehr vorsichtig ansprechen. Vieles, was in Deutschland sehr direkt gesagt wird, muss umformuliert und abgeschwächt werden. Eine für Deutsche gängige Aussage wie „Dafür bin ich nicht zuständig“ kann für schwerwiegende Missverständnisse sorgen.

Gibt es auch bestimmte Themen, die nur bei der Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund eine Rolle spielen?

Aufenthaltsrecht, Familienzusammenführung oder Sprachkurse sind Themen, die kein Deutscher hat. Darüber hinaus geht es oft um das Thema Wohnen und welche Leistungen es überhaupt gibt. Vielen ist auch nicht bekannt, dass auch Kinder mit Behinderung als Erwachsene arbeiten können. Außerdem gibt es wegen der sprachlichen Hürden ganz andere Hindernisse, man kommt im Hilfesystem einfach nicht an, wenn man nichts versteht.

Ändern sich die Themen der Beratung im Laufe der Zeit?

In der Beratungsarbeit lernt man jeden Tag etwas Neues. Es gibt immer wieder Fragen, deren Antwort ich selbst erstmal nachlesen muss und mich dann beim Ratsuchenden zurückmelde. Wir sind alle unterschiedlich, jeder hat seine eigenen Probleme und darum erreichen uns auch immer wieder neue Fragen.

Welche Kenntnisse brauchst du als Berater?

Man braucht zunächst ein umfassendes Wissen. Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass man auf Augenhöhe beraten kann und freundlich ist. Die Menschen brauchen ein Sicherheitsgefühl, darum sind auch Aspekte wie Datenschutz wichtig und die Tatsache, dass es sich bei uns um eine trägerübergreifende unabhängige Beratung handelt.

Was läuft bereits gut bei den Beratungen von Menschen mit Behinderung, was könnte noch optimiert werden?

Die Zahl der Beratungen ist gestiegen, wir erreichen immer mehr Menschen und Ratsuchende empfehlen uns weiter, das ist sehr wichtig für uns und auch ein Vertrauensbeweis. Bei Leben mit Behinderung Hamburg arbeiten wir sehr gut im Team und unterstützen uns gegenseitig. Mit meinen Kolleginnen Karoline Kaltwasser und Jasmin Scheele arbeite ich bei Bedarf auch mal im Tandem, je nachdem wer sich mit einem Thema besonders gut auskennt. Was noch fehlt, wären zusätzliche Fremdsprachen-Berater, davon gibt es in Hamburg noch zu wenig. Und Schulungen, die speziell auf die Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet sind, gibt es bisher gar nicht.

Wie hat sich deine Arbeit durch Corona verändert?

Es ist seit Wochen keine persönliche Beratung möglich, sondern nur per Telefon oder Mail. Dabei ist die Unsicherheit durch Corona natürlich gestiegen, was wir an der steigenden Zahl telefonischer Anfragen bemerken.

Vielen Dank für das Interview!

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EUTB steht für ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Sie richtet sich an Menschen, die eine Behinderung haben oder davon bedroht sind sowie deren Angehörige. Willkommen ist jeder, der Beratungsbedarf zu den Themen Behinderung und Teilhabe hat. Weitere Informationen finden Sie hier.