Kurt Juster – Vereinsgründer & Wegbereiter

Justers Engagement für behinderte Menschen beginnt 1948, mit der Geburt seiner zweiten Tochter Nina. Nina kommt als Spastikerin zur Welt.
Der 40-jährige jüdische Juster und seine Familie leben damals in Schweden. Dorthin waren sie 1938 vor den Nazis geflüchtet.

Einsatz für die Tochter

Juster und seine Frau Gertrud setzen sich mit Hingabe für ihre behinderte Tochter ein. Sie kümmern sich um Krankengymnastik, den richtigen Rollstuhl, geeignete Gehhilfen und besonderes Essbesteck. Etliche Hilfsmittel baut oder entwickelt Juster auch selbst.

Erste Netzwerke in Schweden

Schweden war früh offen für die Bedürfnisse behinderter Menschen. Das nimmt Juster als Chance. Er baut Kontakte zu Ärzten, Pädagogen und  Sozialpolitikern auf. Er schließt sich mit anderen betroffenen Eltern zusammen und initiiert landesweit Vereine zur Förderung spastisch gelähmter Kinder.

Neuanfang in Deutschland – die Vereinsgründung

1956 kehrt Juster mit seiner Familie nach Deutschland zurück. In Hamburg muss er erkennen: Die Bundesrepublik konzentriert sich auf den Wiederaufbau, behinderte Kinder werden verdrängt und versteckt. Aber Juster gibt nicht auf und sucht andere betroffene Eltern. Mit ihnen gründet er im November 1956 den Verein zur Förderung spastisch gelähmter Kinder e.V. (heute Leben mit Behinderung Hamburg). Bereits 1958 eröffnet der Verein die erste Hamburger Sonderschule für spastisch gelähmte Kinder in der Eppendorfer Landstraße.

Justers Verdienst – ein neues Bewusstsein

Die Gründung der Schule wird bundesweit beachtet. "Sie sollen leben wie du und ich" titelte das Magazin Stern. Ein revolutionärer Grundsatz für die damalige Zeit. Juster wird zum Hoffungsträger. Der Stern: "Wenn sich in jeder deutschen Stadt ein Kurt Juster findet, dann wird in wenigen Jahren auch bei uns das Schicksal der spastisch gelähmten Kinder nicht mehr Trostlosigkeit, sondern Hoffnung auf ein tätiges und ausgefülltes Leben neben gesunden Menschen sein."
1959 zeigt Justers Einsatz weitere Wirkung. Auf seine Initiative hin wird der Verband zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder gegründet. Aus ihm erwächst der heutige Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.

Justers Netzwerk – weltweite Kontakte

Juster denkt international. Er reist nach New York, London, Rom, Kopenhagen und immer wieder nach Schweden. Von überall her bringt er Wissen und Erfahrungen nach Deutschland.
In den USA und Skandinavien gibt es neue Behandlungsmethoden für spastisch gelähmte Kinder. Juster schickt Krankengymnastinnen zur Schulung in beide Länder. Aus Schweden holt er Parlamentarier nach Hamburg. Sie berichten der Bürgerschaft von neuen Errungenschaften der Spastikerhilfe.

Justers Einsatz – neue Angebote des Vereins

In den sechziger Jahren bringt Juster den Verein stetig weiter voran. Er initiiert Schwimm- und Reittherapie, Sport und Abendkurse im Lesen und Schreiben. Er bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Durch seine Kontakte zu Künstlern, Sportlern, Bundeswehr und Polizei sorgt er für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit.
Auf seinen Reisen durch Deutschland gibt Juster Anstöße für die Gründung neuer Vereine.

Die späten Jahre

Bei seinem Einsatz für andere hat Juster seine eigenen Finanzen vernachlässigt. 1976 muss der 68-jährige deshalb mit seiner Tochter nach Schweden zurückkehren. Nur dort bekommt er eine Rente.
Den Verein berät und unterstützt er weiter mit Briefen und Besuchen.
1979 schreibt er zu den Planungen des Hildegard-Schürer-Hauses: "Sind genügend Eisschränke geplant?" Und: "Sehr wichtig ist es, bereits jetzt schon an die vor der Haustür beginnende Außenwelt zu denken, damit die Bewohner ohne große Schwierigkeiten zu den hoffentlich nahe liegenden Geschäften, Lokalen etc. gelangen können."
Für seine Verdienste erhält Juster 1979 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.
Kurt Juster stirbt im Alter von 84 Jahren am 23. März 1992 in Göteborg.

Kurt Juster – Lebenslauf

  • 1908
    am 25. September 1908 wird Juster in Berlin geboren.
  • 1927 – 1932
    Schauspieler (Deutsches Theater Berlin, Bühne von Max Reinhardt, Düsseldorfer Schauspielhaus), Dramaturg (Agitprop-Theatergruppe, Theater im Westen) und Kabarettist (Kolibri, Köln).
  • 1932
    Juster beginnt im Teppichhandel zu arbeiten. Erst in Berlin, später bei seinem Onkel in Hamburg.
  • 1938
    Flucht vor den Nazis nach Schweden.
  • 1948
    Geburt von Tochter Nina und ihres nicht behinderten Zwillingsbruders Claes.
  • 1948 – 1956
    In Schweden setzt Juster sich für die Rechte behinderter Menschen ein und initiiert örtliche Vereine zur Förderung spastischer Kinder.
  • 1956
    Juster kehrt nach Deutschland zurück. Am 26. November gründet er gemeinsam mit anderen Eltern den Verein zur Förderung spastisch gelähmter Kinder e.V. (heute Leben mit Behinderung Hamburg). Bis 1972 ist Juster Vorsitzender des Vereins.
  • 1958
    Der Verein gründet die erste Hamburger Sonderschule für spastisch gelähmte Kinder in Eppendorf.
  • 1959
    Justers Einsatz führt zur Gründung des Verbandes zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder (heute Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V.).
  • 60er Jahren
    Juster pflegt  internationale Kontakte (USA, Schweden, Dänemark, England, Italien) und bringt neue Erkenntnisse der Spastikerforschung nach Deutschland.
  • 1968
    Justers Initiative führt zum ersten Kongress über behindertengerechtes Bauen (Patriotische Gesellschaft, Hamburg). Der Kongress legt den Grundstein für Baunormen, die heute selbstverständlich sind.
  • 1976 kehrt Juster mit Tochter Nina aus wirtschaftlichen Gründen nach Schweden zurück.
  • 1979
    Juster erhält das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.
  • 1992
    Kurt Juster stirbt mit 84 Jahren am 23. März in Göteborg